Ich bin nicht in Deutschland... oder doch?

Mal wieder Starbucks

Ich bin angekommen... nicht ganz in den USA, aber in einem Kulturexport der selbigen. Derzeit sitze ich in einem Starbucks in Karlsruhe, Baden-Würtemberg. Vieles ist wie in den Filialen in den USA. Auch die Preise. 3,80 für einen grossen Latté, aber nicht Dollar, sondern Euro.

Immerhin braucht man nicht explizit nach einer richtigen Tasse verlangen, sondern bekommt diese unaufgefordert. Die Freundlichkeit der Bedienung hat mich aber sofort an die USA erinnert. "Was darf es sein?", "Wie geht's?", "Noch etwas Eis ins Wasser?" etc. Sie sagt "Bitte." und "Danke." Also kein Grund zum Klagen. Wenn es nur überall in Deutschland so wäre und nicht nur in den US-Kaffeeinseln. Muss es nicht eigentlich auf den US-Kaffeeinseln heissen? Klingt aber komisch...

Diese Filiale hat ihren amerikanischen Schwestern eine Sache voraus... sie ist sauber und ordentlich. In vielen US-Starbucks fühle ich mich nicht wohl, weil Einrichtung und Sauberkeit suboptimal sind. Da möchte man nicht bleiben, sondern flieht mit dem Kaffee in der Hand. Die Dinger sind dunkel, Fussboden und Theken krümmelig, klebrig und so weiter... Von der eisigen Zugluft mal abgesehen, aber das ist ein anderes Kulturthema und wurde bereits besprochen.

Das Angebot an Backwaren und Snacks ist auch grösser in Deutschland. Es gibt richtige Sandwiches, belegte Brötchen(!) und eine riesige Auswahl an gutaussehenden Muffins. Howard Schultz? Wenn Sie das hier lesen, rufen Sie mich einfach an und dann besuchen wir ihre Vorbildfiliale mal gemeinsam. Ich mache auch gern ein Testprogramm für ihre anderen Fillialen fertig.

Etwas ärgerlich ist aber, dass ein Teil der Begriffe in Englisch geblieben ist: Beverages über der Angebotstafel und Whole Bean beim Kaffeeverkauf. Daily Offerings ist auch nicht gerade Hochdeutsch.

Während ich meine Arbeit durchsehe und Themen vorbereite (ich habe noch 2 Stunden bis zum Meeting), beobachte ich Leute und schreibe Euch immer mal eine Zeile. Achso, ein anderer wunde Punkt, vom Wucher-Latté mal abgesehen, ist der WLAN-Hotspot. Der ist von T-Mobile und natürlich zu bezahlen und zwar mit 8 Euro für 60 min. Warum nicht 1 Euro? Die Masse macht es. Da würden bestimmt auch mehr Studenten surfen.

Die Bedienung ist gut drauf. Erkennt ihre Stammkunden, grüsst sie persönlich (ohne Namen), erinnert sich an die Grundbestellung und albert mit Niveau rum. Ausserdem sieht sie noch nett aus... jetzt würde ich gern eine Kopie von ihr klonen. Apropos Klonen. Diese Stadt hat jede Menge schöne Frauen jeden Alters. Richtig auffällig.

Ein Unterschied fällt noch auf. Während man in den USA ein Lächeln zurückbekommt, wenn man zuerst lächelt, bekommt man in Germanien immer den "Du Wichser!"-Blick. Nun gut, eventuell liegt es ja an mir. Vielleicht sehe ich wirklich so aus :) Aber manchmal klappt es doch auch... sind diese Frauen nur ohne Kontaktlinsen oder Brille aus dem Haus?

Die Dame hinter der Theke weiss, wie man Umsatz macht. Ihre Frage: "Darf es noch etwas Kleines zum Essen dazu sein?" ist sehr verführend und wird von einigen Kunden gern mit Ja beantwortet. Es ist, so glaube ich, die Fragestellung und der Ton ihrer Stimme, der die Leute einknicken lässt.

Die Bedienung wechselt. Schicht-Wechsel nehme ich an. Die neue Dame ist ebenso freundlich und verführend. Sie berät den Kunden intensiv in der Wahl des Kaffees und dem dazu passenden Naschwerk. Die Mädels hatten wohl ein Bootcamp ;) Die Post kam gerade mit einem Brief rein. Die Post-Frau war ebenso freundlich. Irgendwie unheimlich... bin ich überhaupt noch in Deutschland oder bin ich gestern Nacht versehentlich zu weit gefahren?

Ich kann es nicht beschreiben, aber es ist ein angenehmes Gefühl hier im Café zu sitzen, und das Leben um sich herum pulsieren zu spüren. Es macht lebendig und gibt irgendwie Hoffnung, dass es mit uns doch nicht so schnell oder stark bergab geht.

Eben musste die Bedienung die übliche Erklärung zu Tall, Grande, Venti machen. Die Kaffeegrössen versteht ja auch kein Schwein. Klein, Mittel und Gross hätten es auch getan, stattdessen ist es gross, grösser, sehr gross. Das grenzt ja schon an Grössenwahn.

Einige Kunden bekommen sogar einen Handschlag. Der Superkunde quasi. Am Nachbartisch hat sich eine junge Dame mit ihrem Notebook breit gemacht. Vom Gesicht hätte ich zuerst auf einen slawischen Einschlag getippt, aber sie hat gerade mit einem Telefonat begonnen und das Englisch ist perfekt. Keine Ahnung also, wo sie herkommt, aber das Englisch klingt gelernt, da sie keinerlei regionalen Klang in der Aussprache hat. Weder amerikanisches, kein britisches und erst recht kein australisches Englisch. Die Aussprache von exactly schiebt sie zumindest ausbildungstechnisch nach Nordamerika. Wenn mich mein Gehör nicht täuscht.

Ich bin doch in Deutschland bzw. das sind Touristen?! Die Frau hat den typisch genervten deutschen Ton im Umgang mit ihrem Mann. Sie hat auch den beschissenen "Leck mich"-Gesichtsausdruck, der viele meiner Landsleute in die Gesichtsform gemeisselt scheint. Nervig wie sie ist, bestellt sich auch mit langer Diskussion und Hunderten von Änderungen.

Nun schliesse ich und mag aber noch etwas Schönes berichten. Obwohl Starbucks eher von jungen Leuten heimgesucht wird, hinter mir sitzen zwei Damen ab 60, die einen Kaffeeplausch machen. This rocks! Schönes Wochenende und den Text werdet ihr wohl erst einige Stunden nach seiner Erstellung lesen, also nicht wundern.

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Kante

Hach, Karlsruhe. Franzoesisches Laissez-Faire (schreibt man das so?) auf deutschem Boden. Ich weiss, warum ich mich da so wohlgefuehlt hab ;)
2008-02-22 - 20:19:35 - Kante

Kante

P.S. Falls du noch dort bist und etwas Zeit hast (und das Wetter passt), geh doch in den Schlossgarten. Auf der Schotterflaeche vor dem Schloss (nicht die Wiese dahinter) finden sich immer wieder irgendwelche Gruppen Ortsansaessiger, die ganz gemuetlich ne Runde Boule spielen ;)
2008-02-22 - 20:21:08 - Kante

Andreas

da hat heute jemand einen richtig guten tag. man merkt die richtig das Glück und die Lebensfreude an...

kommt das von den resten des Cocktails? ;)
2008-02-22 - 21:43:53 - Andreas

Rene99

@Andreas: Nix Alk, gute Laune durch Umgebung und freundliche Leute... schönes Wetter nicht zu vergessen.

@Kante: Sorry, keine Zeit gehabt.
2008-02-22 - 22:13:56 - Rene99

Peter

Hier sei wieder einmal daran erinnert, dass der zentrale Teil eines Starbucks nicht amerikanisch, sondern schweizerisch ist. Die Kaffemaschine kommt nämlich aus der ganzen Welt von der Firma Thermoplan in Weggis. Sollte bei McDonals, 7-Eleven oder Subway eine Espressomaschine stehen, ist sie auch von Thermoplan. Die Firma hat 2006 mit Bunn, Illinois einen Deal gemacht. Das ist die Firma, welche die übrall in US herumstehenden Filterkaffeebrühgeräte herstellt. Diese wird keine eigene Espressomaschine herstellen, sondern die Geräte von Thermoplan verkaufen. Es lebe das US-Schweizerische Kaffeemaschinenmonopol!
2008-02-23 - 11:25:03 - Peter

Ti

Es gibt einfach nette und nettere Städte in Deutschland- optisch (Damenwelt) wie auch menschlich würde ich KA als noch netter bezeichnen!
2008-03-01 - 17:54:18 - Ti

Mery

Hallo Herr Rene Schwietzke!

In welchem Starbucks Store wurden sie denn so inspiriert?
Im Einkaufscenter Ettlinger Tor oder Kaiserstr?

Würde mich über eine Rückantwort freuen!

MuanJai@live.de
2008-09-25 - 02:13:31 - Mery

Rene99

Kaiserstr. denke ich, denn ich bin die Einkaufszone raufgegangen.
2008-09-25 - 08:34:38 - Rene99

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