Autos, Kaffee und Berufe

Heute berichte ich wieder aus den USA. Um die Wirtschaft hier nicht ganz eingehen zu lassen, sitze ich in einem Starbucks, trinke meinen üblichen Coffee Latte, esse ein Stück Marmorkuchen und blättere in einem Boston Globe. Den Boston Globe habe ich aber gratis aus dem Hotel mitgehen lassen, also unterstütze ich damit die Wirtschaft nur indirekt. Ich bin übrigens zum Starbucks gelaufen und habe das Auto am Hotel gelassen. Es ist warm draussen (15-17 Grad Celsius) und trotz überhöhter Feuchtigkeit in der Luft recht angenehm.

Rechts neben mir sitzt eine junge Dame, maximal 20 denke ich, und blättert in einem dicken Buch und macht sich Notizen. Ich würde sagen, sie lernt für das College. Lustig sind die Schuhe, die sie trägt... es sind Hausschuhe. Pantoffel um genau zu sein. Ihren Typ kann man mit einem Hinweis auf TV und Kino beschreiben. Stellt Euch die typische Büromaus vor, die bis spät abends mit ihrem Chef an Projekten arbeitet. Sobald der letzte Mitarbeiter aus dem Büro ist, schliesst sie die Tür ab, setzt ihre schwarze Brille ab, knöpft ihre Bluse auf und öffnet ihre Haare und lässt ihre Mähne wild wallen. So, den Rest weiss jeder und so ein Typ ist sie, zumindest erstmal bis zum Türabschliessen.

Das Benzin hat hier die 2 Dollar pro Gallone nach unten durchbrochen, nachdem dieses Jahr der Höhepunkt bei etwas über 4 Dollar lag. Das nimmt etwas den Druck aus den Budgets der Leute. Ich finde, dass merkt man sofort, denn die Supermarkt-Parkplätze sind höllisch voll und da heisst es doch, keiner hätte mehr Geld. Aber eventuell jagen die Leute ja nur nach Rabattangeboten. Daran verdient ja keiner etwas und Rabatte führen oft zu Preisspiralen nach unten. Die meisten Schnäppchen dürften auch nicht in den USA hergestellt sein, was der Balance nicht gerade förderlich ist. Durch die Jagd nach Billigangeboten verlagern die meisten Leute quasi ihren Job ins Ausland. Ein Land, dass nur aus hochbezahlten Anwälten, Marketingleuten und Polizei/Armee besteht, kann auf Dauer nicht überleben, denn es schafft keine Werte.

Nix gegen die Berufe im Allgemeinen, aber ein Land kann nicht aus Serviceberufen allein bestehen. Schliesslich verdient ein Verkäufer oder eine Bedienung bei Starbucks kaum Geld. Gut, es werden noch Nahrungsmitteln in den USA hergestellt, aber ein Teil davon ist teuer subventioniert.

Der Autoindustrie geht es ja besonders schlecht. Nicht nur den grossen amerikanischen Drei (GM, Ford, Chrysler), sondern auch den Importeuren oder den Ausländern, die in den USA produzieren. Es will momentan keiner Autos kaufen. Selbst mit der Verführung durch billige Preise, kommt der Verkauf nicht in Schwung und man darf nicht vergessen, dass die Rabattschlachten schon seit 3 Jahren laufen. Viel weiter runter kann es nicht gehen. Wenn jeder weiss, dass er das Auto im nächsten Monat sowieso billiger bekommt, dann kann er seinen Kauf auch aufschieben. Das nennt man übrigens Deflation.

Ein Volkswagen Passat CC wird momentan mit 24,855 Dollar beworben. Gut, die Ausstattung ist nicht ganz vergleichbar, aber wenn wir noch die deutsche Mehrwertsteuer ergänzen und auf Euro gehen, dann kostet der CC hier in Standard-Grundversion rund 24,000 Euro. Ein Ford Fusion Sedan (ist nicht der deutsche Ford Fusion, eher ein kleiner Mondeo) kostet 13,895 Dollar, also ca. 14,000 Euro. Für den Preis dürfte man in Deutschland nicht mal mit allen 4 Radkappen nach Hause gehen. Aber ich denke, wir sind auch nicht mehr weit weg von Preisschlachten.

Der Benzinpreis ist ja momentan kein Kaufgrund, so dass man mit seinem durstigen SUV auch noch eine Runde auskommt. Aus dieser Sicht ist der niedrige Ölpreis sogar eher eine Konsumbremse, denn er dämpft den Zwang zum Neukauf. Ausserdem dämpft er jede Innovation, die auf Alternativen zum Öl setzt. Es macht sich einfach nicht mehr bezahlt, teuer zu forschen.

Allerdings scheinen die Leute wieder mehr Geld für eine Fahrt zu Starbucks und eine Kaffee oder ein Kaltgetränk übrig zu haben. Jedenfalls ist die Filiale hier gut ausgelastet. Die Autos werden auf den Parktplatz auch wieder grösser. Die Leute rangieren mit riesigen Jeeps und Toyotas rum. Ja, auch Toyota stellt riesige Spritschleudern her. Daran hat Toyota sich hier in den USA die Pfoten verbrannt, denn das Pickup-Werk in Texas schiebt eine ruhige Kugel, denn keiner will die fetten Teile mehr.

So, ich bin ins Barnes & Noble weitergezogen, habe einen entkoffeinierten Kaffee Latte und einen Himbeer-Eistee. Gerade habe ich den Spiegel, den Economist und das Time-Magazin verschlungen. Im Economist gibt es einen Sonderteil zum Thema Auto. Speziell geht es um die Rettung der grossen Drei und den Sinn und Unsinn dahinter. Auch darum, dass in den USA 900 Autos auf 1000 Leute im Führerscheinalter kommen. In Europa 600, in China 30 und in Indien weniger als 10 Autos auf 1000.

Es wird angenommen, dass diese Märkte in den nächsten 40 Jahren so gewaltig zulegen, dass wir dann ca. 3 Milliarden Autos auf dem Globus haben werden. Wobei hier nicht jeder an Mercedes und BMW denken darf. Eher an Dacia, Suzuki und Tata. Billige kleine Autos werden in vielen Ländern gekauft werden, denn auch in 40 Jahren steigt das Einkommen in diesen Ländern nicht so sprunghaft, dass man sich riesigen Limousinen leisten kann. Man darf auch nicht vergessen, dass die Strassensysteme in diesen Ländern auch in 40 Jahren nicht unseren, über 140 Jahre gewachsenen, Verkehrssystemen gleichen werden. Wenn man 2 Milliarden Menschen unsere Strassen gibt oder die der USA, dann gibt es nur noch Strassen.

Auch in 40 Jahren werden die meisten Autos, gerade die billigen, noch mit Benzin befeuert. Einzig in den Ländern der westlichen Welt werden sich alternative Antriebe durchgesetzt haben. Aber auch nur mit Hilfe hoher Subventionen, zumindest zuerst.

So, was wollte ich eigentlich? Es ist 17:11 Uhr, draussen ist es dunkel, das Barnes & Noble ist voll und die grosse Burlington Mall platzt aus allen Nähten, es gibt nicht mal mehr freie Parkplätze, nur Stau rein und raus. Komisch. Da sage mal noch einer, es ist Rezession. Was machen die Leute? Nur schauen? Vielleicht. Vielleicht kaufen sie auch nur kleine Dinge und grossen Anschaffungen sind tabu. Der übliche Müll und Nippes vielleicht auch. Gekauft wird nur, was man wirklich denkt zu brauchen.

So, wieder weitergezogen. Ich sitze nun beim Japaner bzw. in einer japanischen Fast-Food-Kette, denn Panera war zu voll und mir war nach etwas Warmen. Jetzt habe ich Chicken und Shrimp Teriyaki auf dem Teller und eine Cola daneben. Was mich an dem Platz stört ist, dass man immer Pappteller und Plastikbesteck bekommt. So ein Elend, selbst wenn man bleiben will.

Vorhin habe ich mir im Target eine Taschenlampe gekauft, die Solarzellen hat und wenn kein Licht ist, sich mit einer Kurbel aufladen lässt. Nur in Vorbereitung auf die globale Krise :) Mal sehen, ob das Ding was taugt. Immerhin habe ich damit die Wirtschaften der USA und China gestützt. Das sollte sich auswirken... eventuell etwas später als gleich, aber bekanntlich soll ja auch ein Schmetterling einen Sturm verursachen können.

Damit seien die dahingewürfelten Worte beendet und ich verabschiede mich in die Nacht.

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Peter

In einem Jahr werde ich dann auch wieder aus den USA berichten.

Den Tata Nano habe ich gar nicht so richtig bemerkt. Mir ist nicht so klar, wo die Inder mit dem hin wollen. Die Strassen sind da so voller Löcher, das ich bezweifle, dass dieses Auto die Massenmotorisierung auslösen wird. Die ersten Autos, die nicht von Chauffeuren gefahren wurden und es einer oberen Mittelschicht erlauben selbst Auto zu fahren war der Maruti Zen, der 1993 aufgetaucht war. Das Standardauto ist immer noch der Hindustan Ambassador mit Chauffeur, wer sich das nicht leisten kann fährt Vespa und das sind die meisten.

Unterdessen hat sich allerdings schon vieles getan in Indien. Im Besonderen wird die Strasse von Kalkuta in Richtung Dehli auf amerikanischen Autobahnstandart ausgebaut mit grünen Tafeln und allem was dazu gehört.
2008-11-16 - 07:59:19 - Peter

Rene99

Der Tata Nano war/ist ein grosser Hype, denn er soll unter... ähmm... ich glaube 3000 Dollar liegen. In Indien will mittlerweile jeder selber im Stau stehen. Tata Motors hat übrigens Jaguar und Land Rover von Ford gekauft
2008-11-16 - 16:45:33 - Rene99

Andreas

so eine Taschenlampe haben wir auch. die sind nicht schlecht...ich kann Dich somit beruhigen
2008-11-16 - 20:06:45 - Andreas

Watson

Hier ist gerade M. Blumenthal bei Anne Will und läßt sich über GM aus.

P.S. Die Kurbeltaschenlampe klingt lustig.
2008-11-16 - 22:12:06 - Watson

kLeInE_hExE

Erst dachte ich "Wie soll eine Solar-Taschenlampe im DUNKELN funkionieren??" - dann las ich das mit der Kurbel und war sogleich beruhigt...Schön finde ich auch den Satz "Gekauft wird nur, was man wirklich DENKT zu brauchen" (=
Es war wieder ein herrlicher Starbucks-Bericht mit schönen Themen die meinen Abend noch verschönern werden *hehe*. Mensch..das war ja SO schleimig, da muss man ja aufpassen, dass man nicht ausrutscht :D
2008-11-17 - 22:20:48 - kLeInE_hExE

Rene99

@Hexe: Danke, ist immer gut fürs Ego, sowas zu hören.
2008-11-17 - 22:43:56 - Rene99

big sister

Hi Rene,
nett geschrieben!
Hast Du das Buch "Der Nobelpreis" gelesen?, dann kannst Du es mir bestimmt
beim nächsten Treffen zum Lesen borgen? Ansonsten, hab noch eine schöne Zeit in Old-Amerika.
2008-11-18 - 12:41:35 - big sister

Ronnie

Immer wieder lesenswert und interessant. Danke, Rene.
2008-11-19 - 08:47:20 - Ronnie

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