Kaffee, Dschungelkind, Krise und die Steuer

Je älter ich werde, desto weniger Zucker mache ich in meinem Kaffee. Jedenfalls habe ich das heute gerade beobachtet. Als Kind bzw. wohl eher als Jugendlicher, habe ich zwei extrem gehäufte Teelöffel Zucker reingerührt. Heute dagegen versenke ich einen Hauch von Zucker auf einem Teelöffel in meinem Kaffee. Schon bemerkenswert, wie sich der Geschmack ändert.

Wie Ihr bemerken werdet, sitze ich mal wieder im Cafe und zwar im Markt 11 und frühstücke. Heute ist Sonntag, es regnet und zu Hause türmt sich das Papier für die offene Steuererklärung 2007 auf dem Tisch. Mein herzhaftes Frühstück ist eben gekommen und wie so oft, regiert hier das Chaos. Irgendwie bekommen die Damen und Herren seit Jahren einen fehlerfreien Bedienungsablauf nur sporadisch hin. Immer mal wieder will das Frühstück woanders landen oder es zieht sich lange hin, obwohl schon drei Leute hintern Tresen wuseln. Könnte man da nicht eine COA gründen? Café-Optimization-Agency - Beratungshaus für Caféverbesserungspotential.

Die COA würde ich auch gleich mal ins Coffee Culture jagen, denn da fühle ich mich in letzter Zeit überhaupt nicht mehr wohl. Das ganze Licht ist mit Scheinwerfern oder Spots erzeugt, man fühlt sich verhört und gestresst. Nichts Indirektes und alles viel zu hell. Die Mixer machen seit Ewigkeiten tierisch Krach und nerven nur. Mir sind bereits ähnliche Modelle in anderen Häusern begegnet, die fast flüsterleise sind. Sogar vom gleichen US-Hersteller. Bei Industriemixern für Getränke, scheinen die USA ein Monopol zu haben bzw. sind technologisch führend.

Des Weiteren nervt das Klima im Coffee Culture. Im Sommer mag man da nicht reingehen, da es sauwarm ist. Das merkt jeder, auch die Angestellten, aber noch hat keiner was gemacht. Angemerkt habe ich es auch schon oft. Ich möchte es ja nicht runtergekühlt sehen, aber es sollte nicht wärmer als draussen sein. Auch werden die Angestellten immer unfreundlicher und zeigen deutlich, dass sie unmotiviert sind. Oft schenke ich mir meinen Morgenstop im Culture und trinke Kaffee im Büro.

Nach diesem plötzlichen kritischen Erguss starre ich in Regen und geniesse meinen Milchkaffee und ein Stück Erdbeer-Schmand Kuchen. Mir fällt auf, dass ich schon lange keine philosophischen Rumsitztexte mehr geschrieben habe. Woran mag das liegen? Eventuell an vollen Tagen und einer kreativen Schaffenskrise. Ich hoffe, dass das jetzt vorbei ist.

Hinter mir sitzt eine junge Familie. Ihr Sohn heisst Ole. Die Lieblingswörter von Ole sind "Hallo" und "Ähhaouhhhäähuu". Letzteres dominiert den Satzbau deutlich. Ole quietscht gerade vergnügt und reitet auf Papa rum. Ich sehe den Kleinen immer mit dem Kopf am Fensterbrett anschlagen. Man muss glaube ich selbst Kinder haben, um dieser Sache mit Abstand zu begegnen, oder?

Draussen tobt der Jenaer-Spätsommermarkt. Ein Herbstmarkt kann es ja nicht sein, schliesslich haben wir ja noch keinen Herbst. Interessant ist aber, dass das Wetter sich nicht an den Kalender hält. Naja, heute ist er ja zu Ende und damit kehrt auch endlich wieder Ruhe in meinem Büro ein. Speziell die Bands ab 16 Uhr waren der Killer jeglicher Arbeitsproduktivität. Da stellt sich die Frage, ob sich der Umsatzrückgang durch die Belästigung von Firmen am Markt und dem Ausfall durch den Verlust des Parkplatzes Eichplatz und der Leute, die dadurch nicht Einkaufen und dem Zugewinn an Steuereinnahmen aus Bratwurst, Bier und Riesenrad die Waage halten. Ich frage mich ohnehin, wie sich Fahrgeschäfte noch tragen. Ich erinnere mich noch an meine Kindheit, wo der Rummel immer eine Attraktion war und man stundenlang den Leuten beim Auf- und Abbauen zugesehen hat. Ich fand ja immer die LKWs so geil. Heute sind es langweilige Trucks, die man immer auf der Strasse sieht, also nix Besonderes.

Ich begutachte gerade eine junge Dame, die sich in einer konstatierten Aktion einen Bierdeckel geklaut hat, um ihrem Tisch das Kippeln abzugewöhnen. Die Frau ist mir sympatisch. Nett sieht sie auch aus. Irgendwie französisch und damenhaft. Am Tisch zwischen ihr und mir sitzt das Dschungelkind. Jedenfalls sieht der Kleine mit seiner Friseur so aus, als ob er der Hauptdarsteller aus dem Trickfilm ist. Er macht gerade Übungen mit seinen Armen und testet mit gezielten Schlägen die physikalischen Eigenschaften der Tischplatte.

Neben der Französin sitzt am Nebentisch eine junge Frau, die dem Studium der aktuellen Tageszeitungen bei einer Tasse Kaffee frönt. Wird frönt eigentlich so geschrieben? Das Wort ist ja eigentlich schon fast ausgestorben.

Jetzt setzt sich der Rest der Familie zum Dschungelkind und versperrt mir die Sicht nach Frankreich. Frankreich geniesst gerade eine Apfelschorle und keinen Milchkaffee. Naja, die Zeiten ändern sich auch in Frankreich. Jetzt weiss ich auch, was ich so französisch finde. Es sind die dunklen, eigentlich schwarzen Augen und das elegante Tuch, dass ihren Hals gegen die Elemente schützen soll.

Ich habe natürlich heute auch schon die Zeitung studiert und besonders den Wirtschaftsteil mit den Berichten über das Bankenchaos in Amerika. Meine Erwartung ist, dass das Chaos weiter anhält, die USA sich noch stärker verschulden und in starke Abhängigkeiten von internationalen Investoren geraten. Diese sind dann in der Lage, die amerikanische Politik indirekt zu beeinflussen, da sie jederzeit das Land in den finanziellen Ruin treiben können. Ich könnte jetzt versuchen die ökonomischen Zusammenhänge aufzuschlüsseln, aber das hebe ich mir für eine Barnes & Noble Sitzung am Ende des Jahres auf.

Die Dschungelkind-Mama strickt noch selbst!? Ich habe schon lange niemanden mehr mit einem Wollknäuel in der Hand gesehen. Aber es kommt ja wieder und speziell in wirtschaftlich schwachen Zeiten kommt selbstgemacht in Mode. Obwohl man eigentlich kaum Geld sparen kann, weil Fernosttextilien deutlich billiger sind, als Wolle und die investierte Zeit. Aber vielleicht ist ja Stricken eine Art der Meditation für sie.

Die Meisten von Euch von werden es wohl gar nicht merken, aber wir leben in wirtschaftlich und politisch turbulenten Zeiten. Die Sache fällt nur nicht so auf, weil es kein Schwarz-Weiss Bild ala Kalter Krieg ist, sondern ein kunterbunter Haufen von Meldungen aus allen Ecken der Welt. Unsere globale Wirtschaft verbindet diese ganzen Punkte und so führt eine Aktion in Asien durchaus zu einem Nadelstich in den USA. Die plötzliche Reaktion auf den Pickser lässt die Hand auf die vermeintliche Mücke hauen und dabei wirft sie etwas in Lateinamerika um. Leider fällt diese Sache genau auf eine Sack mit Foobar, der eigentlich gerade nach Europa sollte. Die Europäer holen sich nun das Foobar aus Afrika im Tausch gegen Tingelding. Da aber Tingelding bisher in Afrika selbst hergestellt wurde, verdienen nun viele Menschen kein Geld mehr. Stattdessen müssen sie nun im Bergwerk nach Zeugs butteln und das Zeugs hat sich Asien günstig gesichert. Aus dem Zeugs lässt sich mehr Zeugs billig herstellen und nach Europa verkaufen. In Europa stirbt darauf die Zeugsproduktion aus...

Es ist 12:39 und der Regen hat aufgehört. Ich schiebe irgendwie den Weg nach Hause raus, denn ich mag nicht die blöden Unterlagen für die Steuer raussuchen müssen. Ich bin für eine massive Vereinfachung des Steuerrechts. 25% auf alle Einnahmen. Die Mehrwertsteuer wird abgeschafft, es bleibt eine 5% Umsatzsteuer auf alles. Gleichzeitig wird die Verrechnung der Umsatzsteuer gestrichen und damit auch der Beschiss damit gestoppt. Jetzt schreibe ich schon wieder Theorie. Aus!

So, ich schaue nochmal in die Zeitung und dann lese ich den Text nochmal gegen und Ihr dürft Euch danach an drögen Teig ergötzen. Schöne Woche!

Nachwort: 13:00 Uhr und die Sonne ist draussen. Schön für den Spätsommermarkt, doof für mich, weil ich erst recht nicht die Steuer machen will. Steuer sucks! Das Prinzip ist ok, weil wir ja alle leben wollen, aber die Umsetzung ist total Scheisse.

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wiemi

Ins Coffe Culture gehe ich immer nochgerne. Der Lärm vom Mixer ist zwar extrem nervend, aber wenn man sich weit genug weg vom Tresen setzt, geht es einigermaßen; auch müsste es jetzt mit den sinkenden Temperaturen besser werden, weil die Kunden eher heisse als kalte Getränke ordern.
Die Atmosphäre empfinde ioch sonst eher ruhiger als im "Bagel & Beans" (was für mich - aufgrund der Entfernung - die alternative Wahl wäre).
Das Licht ist ganz angenehm, wenn man sich auf die Sofas an den Wänden setzt.
Die Temperatur ist zwar ein ernstes Problem; aber das ist das Grundproblem in der Goethe Galerie...
2008-09-22 - 10:59:43 - wiemi

Rene99

@wiemi: Danke für die Meinung, aber ich teile die Sache mit dem Licht nicht. Aber es ist ruhiger (sofern die Musik oder der Mixer nicht nerven).
2008-09-22 - 11:01:15 - Rene99

michael

Deine Erläuterungen globalwirtschaftlicher Zusammenhänge lässt mich wie immer vor Ehrfurcht auf die Knie fallen und mit gefalteten Händen flehend gen Himmel schauen: Deinem angemessenen Wohnort. :-)

Ach und: Dschungelkind for President!
2008-09-22 - 13:14:22 - michael

Rene99

@michael: Danke, aber klingt sarkastisch.
2008-09-22 - 15:21:44 - Rene99

wiemi

Habe heute mal im "Bagels&Beans" den Mixer beobachtet: Die haben da eine Art Kapppe/Hülle über dem Gerät, die den Lärm recht effektiv schluckt.
2008-09-22 - 15:50:30 - wiemi

Roman

Yeah, it is crazy shit here with all this banking fiasco. It is interesting to see how all the phony American notions of free-market capitalism are out of the window once the ass is on fire...
2008-09-22 - 16:38:25 - Roman

Rene99

@Roman: The perspective on a free market changes. It is just a question of the definition... so we will redefine it and the new market will be free... not in the sense of free-market capitalism of course.

The old-unfree is the new free.
2008-09-22 - 16:56:26 - Rene99

Roman

I personally think it is time to start learning Chinese. I took an early start: NI HAO!
2008-09-22 - 17:41:50 - Roman

Towbson

sie wird nicht nur anhalten sondern sich noch verschlimmern. was mir nicht in den kopf will. wieso unmengen geld reingepumpt werden, die am ende nur noch mehr zu einer inflation beitragen. ausserdem ändert das nichts an der gewinn und verlustrechnung frühjahr 09. und wieso durften sich die profite die bänker einstreichen aber die krise dürfen die steuerzahler auf sich nehmen...
2008-09-22 - 19:23:00 - Towbson

michael

@Rene

Sarkastisch? Moi?

Vielleicht solltest du mal die Cafes in der Wagnergasse probieren. Da gibt es möglicherweise noch ein paar ruhige Alternativen.

Oder den Turm. Aber ich weiß schon. Ich mag den Typ auch nich.
2008-09-22 - 20:51:26 - michael

emily

genau so eine lektüre habe ich heute gebraucht. einfach herrlich. und ... rene for bundeskanzler. vielleicht wird das dann mal was mit dem deutschen steuerrecht.
2008-09-22 - 21:13:34 - emily

Rene99

@emily: Immer wieder gern und den Kanzlerjob lehne ich ab. Ich werde lieber Milliardär und helfe mit dem Geld dann wirklich. Geld statt heisser Luft!
2008-09-22 - 21:15:06 - Rene99

Watson

Eigentlich ist das mit dem Zucker doch andersrum, aber wirklich mal wieder ein sehr schöner Text.
2008-09-28 - 21:22:16 - Watson

Mit der Einführung der Europäischen Datenschutzgrundverordnung schliesse ich die Kommentarfunktion dieses Blogs, weil ich einfach keinen Bock auf die Arbeit habe, die dabei entsteht. Wer sich bei mir melden möchte, meine Mailadresse steht im Impressum. Hier der unnötige Hinweis, dass ich natürlich durch die Zusendung einer E-Mail in den Besitz von personenbezogenen Daten gelange. Der restliche Kram steht dann bei mir im Datenschutz.