Selten gebe ich dem SPIEGEL recht

... Es ist die moralische Besserwisserei mancher Deutscher, die den Gaststudenten übel aufstößt. Den Primitiven aus der Neuen Welt, so der ärgerliche Gestus, gelte es die Augen zu öffnen für die wahre Weltordnung. ...

... Andrei Markowitz... einer der profiliertesten Deutschland-Kenner in den USA, geht mit den deutschen Akademikern ins Gericht: "Antiamerikanismus ist das einzige Vorurteil in Deutschland, das mit sozialem Status und höherer Bildung noch zunimmt". ...

Ich gebe dem SPIEGEL selten recht, aber dem Artikel Botschafter wider Willen muss ich meine Zustimmung erteilen. Nach mehr als zweieinhalb Jahren Dauerreisetätigkeit zwischen den USA und Deutschland und unzähligen Freunden und Bekannten in der Neuen Welt, mag man in den pauschalen Tenor der meisten Deutschen nicht mehr einstimmen. Es gibt viele Dinge, die mir nicht gefallen in und an der USA, aber es gibt ebenso viele Dinge, die ich für ausgezeichnet halte. Unter anderem ist man in den USA als Gast willkommen, was man oft nur bedingt von Deutschland sagen kann. Ich fühle mich ja schon als Deutscher oft nicht willkommen in meinem eigenen Land.

Aus DER SPIEGEL 30/2007 - Botschafter wider Willen - US-Studenten haben es derzeit schwer in Deutschland: Sie müssen sich laufend für die Politik ihrer Regierung rechtfertigen.

YetAnotherBlog - Selten gebe ich dem SPIEGEL recht ... Es ist die moralische Besserwisserei mancher Deutscher, die den Gaststudenten übel aufstößt. Den Primitiven aus der Neuen Welt, so der ärgerliche Gestus, gelte es die Augen zu öffnen für die wahre Weltordnung. ... ... Andrei Markowitz... eine...

Roman

What can I add to that?...

Perhaps this paragraph from John Fowles that I came across recently:

"You know Germany?"
"It it not possible to know Germany. Only to endure it"
"Bach? Isn't he reasonably endurable?"
He stopped. "I do not judge countries by their geniuses. I judge them by their racial characteristics. The ancient Greeks could laugh at themselves. The Romans could not. That is why France is civilized society and Spain is not. That is why I forgive the Jews and Anglo-Saxons their countless vices. And why I should thank God, if I believed in God, that I have no German blood"
2007-08-18 - 02:12:54 - Roman

Chinaladen

@Roman:
Damit tut John Fowles genau das, für das er Deutsche verdammt. Sehr humorlos ;-)
Ich habe hier viel mit Deutschen zu tun, die sich gern und viel zu China und Chinesen äussern. Es ist tatsächlich erstaunlich wieviel Sachkenntnis zur sozialen, wirtschaftlichen und politischen Lage Menschen entwickeln, die seit 3 Tagen im Lande sind. Genauso erstaunlich ist es, dass diese Sachkenntnis lautstark und vehement ständig der Umwelt kundgetan werden muss.

Egal wie peinlich, egal wie dumm: Hauptsache, sich durchgesetzt. Gegenteilige Meinungen werden auch nicht stehengelassen.

Ich habe ein paar Jahre in den USA verbracht und fand wirklich nicht alles berauschend - aber wo mir Amerikaner zu unverbindlich scheinen, kommen Deutsche als Pitbulls daher.
2007-08-18 - 03:46:30 - Chinaladen

Roman

@Chinaladen:
You missed the point - it had nothing to do with humor.

This point is related to "moralische Besserwisserei" well noted in the article.

I wish I could find a quote from Banjamin Netanyahu (on Bill Maher show) about Europe that would support this theme but it is too late here. If I find I will post.
2007-08-18 - 05:39:35 - Roman

Roman

Here is the interview. It is long, skip to minute 10 to get to the point:

http://youtube.com/watch?v=...

This is related to this newly reappearing pig headed German "moralische Besserwisserei" that was mentioned in the post and which I can attest to personally.
2007-08-18 - 16:47:41 - Roman

Chinaladen

@roman

I do agree with you on the "moralische Besserwisserei". Absolutely. Maybe Fowles paragraph was lost on me, very German I believe. One can't deny it, can one? ;-)

Actually I believe this "Besserwisserei" is just a form of insecurity. This mentality that condemns Germans to never fail. Therefore - if you are right, I would be wrong, meaning I would fail, so it cannot be allowed to happen. Poor babies... they just have to keep arguing!

Have some mercy! ;-)
2007-08-18 - 19:08:57 - Chinaladen

sapere aude

mh, ohne den artikel gelesen zu haben, und nur das übliche USA-kritik=antiamerikanismus geleier aus dem spiegel in den ohren habend, sag ich einfach mal, dass man das wohl so ernst nehmen muß, wie einen mal so nebenbei in die tastatur gehackten blogeintrag :o)

mal ehrlich, wer hat wirklich was gegen die menschen in den usa - und vielmehr gegen die regierung und das wahlverhalten der us-amerikaner. kritik muß möglich sein. v.a. im namen hunderttausender menschenleben ...

man könnte natürlich sagen, es handelt sich hier um benevolenten antiamerikanismus ... :o)

ich finde es richtig us-amerikaner nach ihrer regierung zu befragen - genau dasselbe recht gestehe ich den amerikanern zu - aber auch z.b. afghanen, die fragen, was wir als deutsche am hindukusch zu suchen haben.

studenten sind botschafter ihres landes. und als solche stehen sie in verantwortung, der sie sich stellen müssen.

finde ich.

ich bin deshalb kein amerikahasser. und das sind auch all die sogenannten "antiamerikaner" nicht wirklich. wer kommt heut schon noch ohne amerikanische (kultur)industrieprodukte aus?
2007-08-18 - 23:33:54 - sapere aude

Mike

Sapere: Nicht auf dich bezogen, aber ich hoere genau dieses Argument leider viiiel zu oft! Ich bin im IRC in diversen Chatraeumen unterwegs. Standardreaktion in 90% aller faelle wenn jemand erfaehrt, dass ich in den USA lebe ist "Was hat dich denn ins Land der bekloppten verschlagen?" und/oder "also ich wuerd ja nicht mal fuer ne Woche Urlaub ins Land der Kriegstreiber fahren". Erwaehne ich dann, bitte das Thema zu lassen, bekomme ich genau dieses zu hoeren: "Wer sich so aufspielt, muss sich auf Fragen gefallen lassen".

Fragen duerfen gestellt werden. Wenn mir aber permanent irgendwelche Kacke aufgedrueckt wird und ich Leute von mir verlangen, meine Entscheidung hier zu leben zu verteidigen (und wenn ich das nicht tue, veraechtliche Reaktionen zu bekommen), ist das keine legitime Fragestellerei, sondern besagte moralische Pseudoueberlegenheit.
2007-08-19 - 00:36:38 - Mike

Chinaladen

@sapere aude

Wahrscheinlich würdest Du tatsächlich nett, sachlich und freundlich fragen. Ich habe aber auch schon die "Hexenjagd" auf Amerikaner mitbekommen. Erschreckend schon für mich als Deutsche, wie muss das dann aber den Amerikaner vorkommen, deren Kultur so ein Verhalten gar nicht kennt (ausser in Filmen, aber sicher nicht im "real life").

Da müssen Deutsche wirklich mehr Zurückhaltung üben. Ich möchte nicht wissen, wie sich Deutsche fühlen müssten, würden wir auf diese Art und Weise auf unsere eigene politische Vergangenheit angesprochen (oder verbal an die Wand gestellt).
2007-08-19 - 16:02:47 - Chinaladen

sapere aude

wird ja gemacht, wird ja gemacht.

man gilt als deutscher in vielen ländern noch immer - oder wieder - als nazi.

auch angesichts der neuesten entwicklungen in suburbanen regionen in ostdeutschland ... aber auch im westen.

man muß sich damit auseinandersetzen und sich fragen: was macht man gegen dieses schreiende unrecht??? was tut man dagegen, wenn die braune soße wieder hochschwappt? wenn ausländer und angehörige anderer minderheiten verfolgt, verprügelt und ermordet werden.

was tun US-amerikaner, wenn im nachweislich völkerrechtwidrigen krieg im irak hundertausende von irakischen zivilisten sterben und eine ganze weltregion destabilisiert wird?

WAS TUN SIE??? WAS TUN WIR????

und wenn wir all dies überdenken - ist es dann nicht richtig, dass den durch wegsehen mitverantwortlichen gesagt wird, dass da was nicht stimmt?

was wäre eurer ansicht nach die richtige, die angemessene form der stellung der fragen nach diesen dingen??

oder sollte man es besser verschweigen? gerade besonders höflich und rücksichtsvoll miteinander umgehen. müssen wir doch schließlich irgendwie alle unter extremisten leiden ... still leiden.

oder?
2007-08-19 - 19:52:41 - sapere aude

Mike

Nun, da hast du natuerlich recht. Und was das angeht, stimme ich mit dir ueberein. Die kritische Auseinandersetzung mit diesen Themen muss in D, in den USA und ueberall sonst moeglich sein. Und natuerlich ist nicht alles Gold was in den USA so schoen herumglaenzt. Und ueber die Politik kann man im besonderen schoen streiten.

Ich diskutiere gerne mit Leuten, die wissen was sie sagen. Wenn mir jemand sagt "hey, ich mag die USA/die Regierung/das Land nicht, weil $sachliches_begruendedes_argument, dann zeigt mir dass, das jemand sich seine eigenen Gedanken gemacht und eine eigene Meinung gebildet hat. Das finde ich gut, auch wenn es meiner Meinung nicht entspricht, und ich bin froh, dies zu akzeptieren!

Was mich stoert ist die Tatsache dass der grossteil der Leute irgendetwas nachplappert was sie irgendwo gehoert haben (Meinem Arbeitskollegen sein Bruder hat gesagt, dass 9/11 gefaket war und der weiss es, weil der hat nen bekannten, der die geheimen Akten hierzu im Internet gefunden hat). So gehts dann los, dass irgendwelche halbwahrheiten behauptet werden und die usa (government und volk) pauschal als boese und evil abgekanzelt werden. Ich hatte Leute, die mir ernsthaft erzaehlen, dass sie dafuer sind, dass Nordkorea und Iran Atomwaffen bekommen, da "diese Laender sich ja nur vor den boesen USA schuetzen wollen. Wie es ohne Atomwaffen ausgeht, sieht man ja grad im Irak". Das ist genau das Niveau, welches ich als antiamerikanisch bezeichne und welches ich mir unter dem Argument "man muss alles diskutieren koennen" sogar von Freunden anhoeren musste...
2007-08-19 - 21:48:48 - Mike

Rene99

@all: Danke für die angeregte Diskussion bisher. Es ist oft schwer einzuschätzen, was Mitteilung und Diskussion und was Überheblichkeit ist, ich rede natürlich nicht von den offensichtlichen Beleidigungen und stumpfsinnigen Vorurteilen.

Bei meinen letzten Aufenthalten und bei vielen Chats mit Menschen, die in den USA leben oder sogar Amerikaner sind, wurde ich oft gebeten, eine Aussensicht mit Blickwinkel Welt, Europa oder Deutschland zu vermitteln. Ich kann Euch sagen, dass ist ein sehr dünner Balken, den man damit beschreitet. Bisher ging es ganz gut und hat auch oft Vorurteile meinerseits abgebaut bzw. mich dazu veranlasst, die USA bzw. eigentlich einen Grossteil ihrer Bürger im Ausland, speziell hier in Deutschland zu verteidigen.

Man muss übrigens Hollywood ankreiden, dass die transportiere Botschaft über die USA nicht oft eine positive ist bzw. immer ausreichend Klischees bedient werden.
2007-08-19 - 22:49:36 - Rene99

Roman

@Chinaladen

"Therefore - if you are right, I would be wrong, meaning I would fail, so it cannot be allowed to happen. Poor babies... they just have to keep arguing!"

.. yeah, Fowles was wrong :)
2007-08-21 - 00:20:52 - Roman

Roman

@Rene

"...ich rede natürlich nicht von den offensichtlichen Beleidigungen und stumpfsinnigen Vorurteilen"

In case you meant my comments, those depend on the point of view. As far as "stumpfsinnigen Vorurteilen" then I have heard more then enough of those on this blog then from anywhere else.
2007-08-21 - 16:52:27 - Roman

Rene99

@Roman: This is "outgoing" not "incoming". I mean, it is often difficult to say, what is a normal discussion and what is already an insult or prejudices when talking about the US or to Americans - except the pretty obvious onces, such as - all Americans are stupid.
2007-08-21 - 16:59:49 - Rene99

Rene99

@Roman: Dude, you got pretty thin-skinned.
2007-08-21 - 17:01:10 - Rene99

littleandy

Ich find diese ganze Diskussion (die ja nicht erst hier angestoßen wird, sondern auf diversen "NeoCon"-Seiten schon lange ausgebreitet wird) mittlerweile ziemlich lächerlich.
Während die eine Seite jeglichen Antiamerikanismus leugnet, sieht die andere Seite in jeder noch so kleinen Kritik schon einen unglaublichen solchen.
Warum müssen sich amerikanische Studenten vor ihren deutschen Kommilitonen verteidigen? Zunächst mal vermutlich, weil man als Deutscher nicht soo oft einen Amerikaner an der Hand hat, um ihn sozusagen aus erster Hand zu befragen. Dazu die häufig deutlich direktere Art der Deutschen, und schon ist aus Interesse fast schon eine Beleidigung geworden.
Insgesamt etwas mehr Gelassenheit würde, wie in den meisten Fällen, ganz gut tun. Allen Beteiligten :-)
2007-08-22 - 13:39:40 - littleandy

Eve

Ich finde diese Diskussion auch sehr schwierig. Ich weiß nur, dass wir Deutschen es doch auch nicht immer leicht im Ausland haben (denkt mal an unsere Vergangenheit, auf die sie immer zurück kommen werden).
Ich kann nur sagen, ich bin und bleibe ein riesen USA Fan. Und ich war leider noch nicht dort.
2007-08-27 - 01:34:02 - Eve

Mit der Einführung der Europäischen Datenschutzgrundverordnung schliesse ich die Kommentarfunktion dieses Blogs, weil ich einfach keinen Bock auf die Arbeit habe, die dabei entsteht. Wer sich bei mir melden möchte, meine Mailadresse steht im Impressum. Hier der unnötige Hinweis, dass ich natürlich durch die Zusendung einer E-Mail in den Besitz von personenbezogenen Daten gelange. Der restliche Kram steht dann bei mir im Datenschutz.