Was ist Lotus oder Du mein Deutschland

Bücherregal

Da war ich doch an einem Samstag in der Thalia-Buchhandlung in Jena. Ich wollte einfach mal nur Stöbern und was ich dabei erlebt habe, dass hat mich sofort wieder daran erinnert, dass ich in Deutschland bin. Naja, zumindest verbinde ich sowas zutiefst mit dem griesgrämigen Deutschland.

So, wovon rede ich überhaupt? Also hier mal mein Erlebnis in etwas mehr Text und in teilchronologischer Abfolge.

Zuerst gab es im Bagels & Beans Frühstück und zwar mit einen getoastetem Sesam Veggie Bagel und einer grossen Tasse Milchkaffee. Der Bagel war richtig lecker. Ei, Kresse, Tomate, Frischkäse, Salat und Gurke. Mmmm... naja, eigentlich gehört das nicht zu meiner Geschichte, aber ich wollte nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen.

Da man ja als Single, zumindest geht das Gerücht so um, nie was zu tun hat am Wochenende, bin ich in die Thalia-Buchhandlung in der Neuen Mitte gegangen, um mal so richtig in Büchern zu schmöckern. Die Chance auf Verleitung zu einem Spontankauf drohte zwar damit auch, aber, so sagt das Gerücht, man als Single ja eh nicht weiss wohin mit dem vielen Geld, auch nicht wirklich Angst vor einem Spontankauf hat.

Ich also nix wie rein in den Tempel der Information und Unterhaltung in Buchform. Man erster Gang führte mich eher zufällig in die Abteilung mit den englischsprachigen Büchern. Da starrte mich doch sofort Dan Browns Da Vinci Code an. Super, das Buch wollte ich mir in den USA kaufen, dort gab es aber nur das Hardcover. Witzigerweise steht auf meinem Buch jetzt Printed in USA und die Verkäuferin bei Barnes & Nobles meinte, dass die Paperback Ausgabe bis auf weiteres verschoben sei. Naja, wenn nicht dort, dann halt hier. EUR 7,95 sind auch ok, obwohl es im Original $ 7,99 kostet... der Dollarkurs steht schon lange nicht mehr so ;-)

Habe ich schon wieder das Thema verpasst? Jetzt aber.

Nachdem ich mir mein Spontankaufbuch unter den Arm geklemmt hatte, bin ich rauf zu den Computerbüchern, weil da manchmal was Interessantes rumliegt, was ebenfalls spontan erworben werden kann bzw. zumindest mal kurz erblättert wird.

Während ich also so in den Büchern blätterte und mich fragte, ob ich nicht irgendein Algorithmenbuch in meinen Schrank stellen sollte, hörte ich ein Gespräch mit. Ein eben eingetroffener Kunde (Wortspiel, was sich später als wahr erweisen sollte) fragte die Verkäuferin: "Was ist Lotus?". Nach einer Gedenksekunde kam die Antwort: "Eine Software." Richtig! Gegenfrage darauf: "Haben Sie da was?"

Reichlich pauschal, was? Aber das Ding geht noch weiter. Die Verkäuferin begann das Regal nach Lotus abzugrasen und ihren Computer zu befragen. In dieser Zeit fand der potentielle Kunde ein Buch, in dem stand: "Lotus 1-2-3". Seine Reaktion: "Ja, da brauche was drüber."

Während der Informatiker in mir schon mit den Vorbereitungen zu einem Aufstand begann, meinte mein deutsches Ego noch: "Misch Dich mal nicht ein." Also mischte ich mich nicht ein.

Die Verkäuferin strampelte sich sichtlich einen ab, weil sie immer zwischen Regal und Rechner hin- und herflitzte und versuchte eine Spur von Lotus zu finden. Als Zwischenergebnis stand dann: "Nein, wir haben keine Einführung dazu da, das müssten wir bestellen." Soweit so gut.

Jetzt wurde mein Informatiker etwas unruhiger und begann das Regal nach Lotus abzusuchen. Bewaffnet mit dem Wissen, dass Lotus ein Stapel Software von IBM ist, der entweder unter Lotus 1-2-3 als Officesuite durchgeht oder als Lotus Notes unter Groupware geführt wird. Leider wusste der Kunde ja nicht, was er wollte... wozu braucht er es dann eigentlich? Egal.

In der Office Reihe gab es nur den Microsoftkram, auch bei EMail hat sich kein Lotus Buch gefunden... mein Informatiker wurde nervöser. Der Deutsche in mir wollte eigentlich nur noch weg, aber der Teil mit den IQ-Punkten in mir wollte noch angeben oder zumindest hilfreich erscheinen.

Lotus für Dummies

Nun sah der Informatiker die Dummy-Buchreihe, also die gelb-schwarzen Bücher, wie HTML für Dummies oder PCs für Dummies. Eigentlich besuchen wir diese Regalecke nie, aber heute war die Premiere und sieh da, da stand es: Lotus Notes 6 für Dummies. Mein Informatiker zog es also raus und genau in diesem Moment tauchte der Kunde neben mir auf und voller Triumph reichte mein IQ-Ego es rüber: "Suchen Sie vielleicht sowas?"

"Ja, genau. Danke.", griff sich das Buch und rannte zur Verkäuferin. Jetzt begann genau der Teil, den der Deutsche in mir, mit seiner Politik der Nichteinmischung vorausgeahnt hatte.

Der Kunde (jetzt in der negativen Bedeutung zu lesen) begann die Verkäuferin auf das Schärfste zu belegen: "Also ich muss mich wirklich über die Beratung hier wundern, ... , fragen Sie sich mal, ob sie hier hergehören, ..., ich kann doch wohl wirklich mehr verlangen, ..., es ist doch wohl nicht schwer so ein Buch zu finden, ..., etc."

Der Informatiker prügelte jetzt auf das IQ-Ego ein, der Deutsche quetschte sich am Regal vorbei aus dem Buchladen und mein Kurzzeitgedächtnis begann Verhandlungen mit meinem Langzeitgedächtnis. Letzteres sperrte sich sofort gegen solchen Schund... das Kurzzeitgedächnis hat leider gewonnen, sonst würdet ihr es jetzt hier nicht lesen.

Achja, der Gesamtheit meines Körpers schämte sich bitterlich über meine Hilfsbereitschaft, bemitleidete die Frau und wünschte dem Kunden die Pest an den Hals. Auf dem Rückweg habe ich gleich mal nach Ticketpreisen für den nächsten USA-Flug geschaut...

Als wir dann wieder zu Hause waren, habe sich alle zusammen über ihre Feigheit geärgert, dem Kunden die Meinung zu geigen oder wenigstens mit einer ablenkenden Frage der armen Verkäuferin diese Tortour zu ersparen. Wie soll sie mit 50 auch ohne Probleme mit dem Computer klarkommen und dann auch noch Fragen wie: "Was ist Lotus?" beantworten. Falls mir das nochmal passiert, dann schicke ich den Kunden in die Biologieecke und dann gern er über die Lotusblume und den Lotuseffekt lesen.

Photo by heipei under CC-BY-SA 2.0.

YetAnotherBlog - Was ist Lotus oder Du mein Deutschland Da war ich doch an einem Samstag in der Thalia-Buchhandlung in Jena. Ich wollte einfach mal nur Stöbern und was ich dabei erlebt habe, dass hat mich sofort wieder daran erinnert, dass ich in Deutschland bin. Naja, zumindest verbinde ich sowas zu...

meckerer

Ok, das war halt ein Arschloch.

Aber diese überzogene Ich-bin-Kunde-und-König-Scheiße ist doch aus Amerika rübergeschwappt, und hat doch unter anderem dafür gesorgt, dass die von dir oft beschriebenen lächerlichen Warnhinweise auf allen potentiellen Gefahrenquellen wie Kaffeebechern und Springbrunnen stehen. Weil sich dort jederzeit jemand berufen fühlt, dich auf ein paar Millionen zu verklagen, wenn ne Banane vor deinem Laden liegt.

Scheiß freundlich sind bei den Amis doch auch nur die, die dir was verkaufen wollen. Oder weil es zu einer penetranten Small-Talk-Kultur gehört, jeden gleich übelst laut zu bequatschen. Lieber griesgrämig und ehrlich.

Also noch mal überlegen mit dem USA-Ticket-Kauf ;-)
2005-08-22 - 10:02:13 - meckerer

cindy

Ach mein lieber, du wohnst jenseits von dieser Welt. All diese Kotzkunden sind täglich mir nahe in meinem Etablissement. Ich muss mit ihnen leben und ihnen jeden Euro erbetteln.Und die Marke: "arrogant und Dumm" Das sind die Schlimmsten...
2005-08-22 - 15:14:37 - cindy

Mit der Einführung der Europäischen Datenschutzgrundverordnung schliesse ich die Kommentarfunktion dieses Blogs, weil ich einfach keinen Bock auf die Arbeit habe, die dabei entsteht. Wer sich bei mir melden möchte, meine Mailadresse steht im Impressum. Hier der unnötige Hinweis, dass ich natürlich durch die Zusendung einer E-Mail in den Besitz von personenbezogenen Daten gelange. Der restliche Kram steht dann bei mir im Datenschutz.