Konsens - 1.0

1.0

„Guten Morgen, Helmut. Du hast einen wichtigen Termin, der keinen Aufschub duldet. Entschuldige, dass ich dich daher wecken muss.“

Die unaufdringliche, androgyne Stimme von HYPER erscholl aus dem Lautsprecher der Uplink-Station, die unsichtbar hinter der blassgelben Wand der Wohnung verborgen war. Der Adressat der Nachricht, Inspektor Helmut Chan von der Lok-Pol, der lokalen Polizeistelle des Wohnclusters 04229-Le, für seine Einwohner immer noch als Leipzig bekannt, öffnete verschlafen seine Augen.

„Wasnlos?“

„Im Wohnbezirk West, Untercluster C wurde ein Gewaltverbrechen verübt, Helmut. Deine sofortige Anwesenheit wird dringend erwünscht.“

„Ja, okay, ich komme.“ Langsam richtete sich Helmut Chan in seinem Bett auf, dessen Servomotoren sich mit einem fast unhörbaren Surren von der Form seines Rückens zu einer perfekten Waagerechten zurück bildeten. Er war vor ein paar Monaten fünfzig geworden, sein Alter sah man ihm allerdings nur an ersten grauen Strähnen in seinen halblangen, dunkelbraunen Haaren an. Die Haut seines Gesichtes zeigte nur winzigste Spuren des Alterns, ein paar Krähenfüße um die Augen, zwei Linien um die Mundwinkeln und eine tiefere Falte zwischen seinen dunkelbraunen Augen. Alles in allem hätte man ihn auf Ende zwanzig, Anfang dreißig schätzen können. Müde rieb er sich die Augen und versuchte sich an den Traum, den er gehabt hatte zu erinnern. Wie so oft hatte er das Gefühl, dass er gleichzeitig etwas Wichtiges und Furchtbares geträumt hatte, aber die Fetzen der vagen Erinnerung entglitten seinen suchenden, geistigen Fingern.

Mit einem Seufzen erhob er sich. Sofort registrierten die Sensoren seiner Wohnung, dass ihr Okkupant aufgestanden war und ein diffuses, scheinbar von allen Seiten außer dem Fußboden kommendes Licht erfüllte das Schlafzimmer. Gleichzeitig öffnete sich sein Kleiderschrank und mehrere Kleidungsstücke, säuberlich auf einer Stange aufgereiht, fuhren lautlos aus dem Möbelstück heraus. Helmut entschied sich für seine Uniform, bestehend aus schwarzen Allwetterschuhen, einer dunkelblauen Hose und einem Hemd in derselben Farbe, von dem Helmut wusste, dass es sich intelligent auf jede Temperatur und Wetterlage anpassen würde und je nach Bedarf zu einer Regen-, Winter- oder Sommerjacke morphen würde, Nanotechnologie sei Dank.

Eigentlich bestand kein Bedarf für ihn, seine offizielle Uniform anzuziehen, da ihn jeder in der überschaubaren Polizeizelle der Stadt kannte, aber Helmut war gern ein Vorbild für jüngere Mitarbeiter seiner Einheit. Nachdem er Hose und Hemd übergestreift hatte (der Kontakt mit seiner Haut aktivierte nach einem kurzen DNS-Test auch das in die Fasern eingewebte Polizei-Hologramm) und sich seine Schuhe mit einem saugenden Geräusch um seine Füße geschlossen hatten, schlürfte er in sein Wohnzimmer, wo sofort auch das Licht anging, sowie der eine Wand einnehmende Holoscreen. Sein 3D-Interface war auf die niedrigste Stufe gestellt, so dass der Nachrichtensprecher, der an der Wand erschien, nur ein kleinen Schritt in den Raum getan zu haben schien, statt scheinbar in der Mitte des Raumes zu erscheinen. Helmut mochte es nicht, wenn ihm beim Frühstück das Morgenprogramm von allen Seiten umsprang.

Leise summend brachte ihm ein Roboter das Frühstück, ein Teller noch dampfenden Rühreis mit Speck und einem krossen Toast sowie einer heißen Tasse Kaffee mit Milch und Zucker. Der Automat sah dabei aus wie ein lebender Beistelltisch, was er in gewissem Sinne auch war. Helmut hätte sich der an das Wohnzimmer anschließenden Küche auch selbst das Essen kochen können, aber zumindest morgens verließ er sich ganz auf ihre automatische, programmierbare Zubereitungsfunktion. Während er sein Mahl in sich rein schlang, musste er allerdings erneut daran denken, dass er unbedingt eine neue Frühstücksroutine schreiben musste, denn Rührei hing ihm langsam zum Halse raus. Durch den Kaffee, der zwar künstlich, aber trotzdem aromatisch und vor allem wirksam war, kamen auch Helmuts graue Zellen wieder in Gang. Während er noch die letzten Stücke Ei und Schinkenreste mit seiner Gabel verfolgte, stellte er eine Frage in die Luft hinein.

„Hyper, war für ein Verbrechen wurde gemeldet, sagtest du?“

HYPER reagierte sofort auf die Stimme und antwortete, sich der Lautsprecher des HHD-TVs bedienend.

„Ein Gewaltverbrechen, Helmut, im Wohnbezirk West, Untercluster…“

„Jaja, schon klar. Danke, Hyper.“

„Keine Ursache, Helmut.“

Hier geht es zur Fortsetzung - Teil 1.5

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