Der chinesische Nationalzirkus auf meinem Balkon

Mystery

By Maurice - CC-BY-2.0

Heute habe ich bestimmt nervlich fünf Jahre meines Lebens eingebüsst und in mir keimte die Frage auf, ob Risiko und Verantwortung mir 300 Euro wert gewesen wären. Aber alles der Reihe nach.

Es ist Sonntag. Wir sitzen auf dem Balkon und frühstücken. Da klingelt es an der Tür. Mein Nachbar von genau unter mir steht vor mir. Er ist Chinese, was momentan noch nichts zu Sache beiträgt. Leider hat er sich und seine Familie ausgesperrt. Ob er über meinen Balkon nach unten klettern dürfte. Äh... dazu muss gesagt werden, dass ich im 5. Stock wohne. Das dürfte schon Todeshöhe sein.

Ob ich denn nicht der Schlüsseldienst möglich sei? Ich rufe also die Königin an, um mich ihrer Allwissenheit zu bedienen. "250 Glocken wird es mindestens kosten. Nehmt doch erstmal eine alte EC-Karte, wenn nur zugezogen ist." Hätte mir auch einfallen können. Ich wühlte also in meinen Schrank und hopste mit drei alten Karten zur Tür meines Nachbarn runter. Er hatte die Kartenmethode schon probiert und während meines Telefonates auch meine Tür inspiziert, um "Tipps" zu bekommen.

Nun würgten wir also ca. 45 min an der Tür inkl. einer brachialen Dichtungsgummientfernungsnummer meinerseits. Leider sind deutsche Türen extrem deutsch und damit sicher. Nicht mal eine Papier-Visitenkarte passte zwischen Schloss und Türrahmen. Er fiel also wieder auf die Klettermethode zurück.

Er wollte nur ein Laken von mir und sich damit abseilen bzw. als Kletterhilfe einsetzen. Mir schmeckte das überhaupt nicht, denn ich sah mich schon mit Albträumen und lebenslanger Schuld konfrontiert. Ich versuchte ihn weiterhin, vom Schlüsseldienst zu überzeugen, weil er schliesslich Frau- und Kind hat und ich überhaupt keinen Bock auf einen Rettungswagen. Er wollte nicht. Ich rief mal probehalber bei einem Dienst an und die wollten mindestens 120 Euro haben, für jedes angerissene 20 min Bündel nochmal 40 Steine plus Material etc.

Er wollte weiterhin nicht. Mir war nicht wohl. Ich schickte ihn erstmal ein Laken besorgen, denn ich habe nur Spannbettlaken im Haus und damit ist glaube ich noch niemand aus einem Gefängnis ausgebrochen.

Als er wieder da war, habe ich ihm das Geld angeboten, weil ich es irgendwie mit mir nicht verantworten konnte. Er wollte weiterhin nicht. Hätte ich ihn nun rauswerfen sollen? Wie weit geht Freundlichkeit und Nachbarschaftshilfe?

Naja, schliesslich wühlte ich im Schrank und fand noch ein Laken der alten Art, er hatte auch sowas Ähnliches dabei. Er feuchtete beide Laken an und band sie am Balkongeländer fest. Ich fragte, ob es denn nicht besser wäre, die Dinger zusammenzuknoten und sich um die Hüfte zu schlingen? "Deutsche immer sehr sicher, brauchen nicht." Oha!

Er bat mich noch um ein Stärkungsbrötchen und ich hatte auch noch eins übrig... schliesslich war das Frühstück für mich irgendwie ausgefallen.

Dann war er barfuss übers Geländer gestiegen, hatte sich an der Dachrinne abgestützt und... da kommt nun seine Nationalität ins Spiel.. ich fühlte mich plötzlich an den chinesischen Nationalzirkus erinnert. Nach 10 Sekunden war er auf seinem Balkon und nach weiteren 20 Sekunden stand er wieder vor mir, bedankte sich, nahm seine Schuhe und bedankte sich nochmals. Kurz hatten wir eine Unterhaltung über "in Deutschland muss alles sicher sein". Ich bemerkte kurz, dass es wohl in seinen Genen liege, so eine Nummer mal schnell abzuziehen. Er nickte zustimmend und versprach mir etwas zum Dank, wenn ich wieder aus den USA zurück bin.

Damit blieb ich sichtlich nervlich erregt zurück und fragte mich, ob ein chinesischen Leben nur 300 Euro wert sei? Eventuell bin ich ja auch viel zu deutsch, aber ich hätte ihm die 300 Euro sogar geschenkt, um mich aus der Mitverantwortung für seinen Kletterakt freizukaufen.

Ich glaube, wir sind Freunde geworden - ein 100% Chinese und ein 110% Deutscher.

P.S. Beim nächsten Mal würde ich ihm wieder das Geld anbieten, statt ihn klettern zu lassen.

YetAnotherBlog - Der chinesische Nationalzirkus auf meinem Balkon By Maurice - CC-BY-2.0 Heute habe ich bestimmt nervlich fünf Jahre meines Lebens eingebüsst und in mir keimte die Frage auf, ob Risiko und Verantwortung mir 300 Euro wert gewesen wären. Aber alles der Reihe nach. Es ist Sonntag. Wir sitzen...

Rainer

Das wäre DIE Gelegenheit für einen Lasttest Deiner Laken gewesen :-)
2008-06-01 - 21:51:48 - Rainer

crosa

wow, ich habe deine Erzählung quasi verschlungen. Klapperharte Geschichte. Ich hätte Todesängste ausgestanden. Ich glaube ich bin da auch 110% deutsch. Ich vermutlich erst alle Bohrer am Türschloss abgebrochen....

Schön, dass die Geschichte gut ausgegangen ist...
2008-06-01 - 22:13:22 - crosa

Rene99

@Rainer: Ich habe ja auch ein weisses Laken gelastestet... aber nur minimal.

@crosa: Danke.
2008-06-01 - 22:39:12 - Rene99

rr

klar, die Deutschen sind da extrem, was Korrektheit und Sicherheit anbelangt. Aber die Story ist klasse. Das ist mir noch nicht passiert... ok.. wohnen auch keine Chinesen im Haus.
2008-06-02 - 08:41:21 - rr

Towbson

dein nachbar is jackie chan?
2008-06-02 - 09:24:00 - Towbson

Rene99

@Towbson: Nein, sonst hätte er sich den Weg zum Balkon freigekämpft ;)
2008-06-02 - 09:25:05 - Rene99

Birgit

mach doch bitte mal ein kleines Foto, was sieht man denn wenn man versucht vom 5. in den 4. Stock mittels eines Bettlakens zu kommen
hört sich jedenfalls richtig spannend an, ich wüßte allerdings auch nicht wie ich mich in dem Fall verhalten hätte
2008-06-02 - 18:48:57 - Birgit

Sina

Wow, dass reibt ja schon beim Lesen auf. Ich hätte auch eher den Schlüsseldienst gerufen bzw. hätte ich, wenn ich mich ausgeschlossen hätte sicherlich ncoh irgendwo einen Schlüssel liegen gehabt... was man nicht so alles in Taschen oder bei Freunden hat. Aber im 5. Stock wäre ich auch 110% deutsch gewesen.
Schlag ihm doch mal ne Wohnung im EG vor :)
Lg
2008-06-04 - 19:51:01 - Sina

Einer

Auch wenn der eintrag schon länger her ist ( ich schaue nicht täglich vorbei, ist aber ein unterhaltsames blog )... :

Starke story, scheinst n korrekter Typ zu sein ^^.
2008-06-06 - 03:31:42 - Einer

Mit der Einführung der Europäischen Datenschutzgrundverordnung schliesse ich die Kommentarfunktion dieses Blogs, weil ich einfach keinen Bock auf die Arbeit habe, die dabei entsteht. Wer sich bei mir melden möchte, meine Mailadresse steht im Impressum. Hier der unnötige Hinweis, dass ich natürlich durch die Zusendung einer E-Mail in den Besitz von personenbezogenen Daten gelange. Der restliche Kram steht dann bei mir im Datenschutz.