Konsens - 2.0

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2.0

Der Winkende entpuppte sich als Franz Loh, frisch von der Akademie graduierter Polizist und professionelle Nervensäge, zumindest wenn man Helmut fragte. Allein „von der Akademie graduiert“ war ein schlechter Witz, schließlich hatte Hans sich sein komplettes Wissen über sämtliche Polizeiprotokolle innerhalb weniger Stunden von HYPER herunter geladen, nachdem sein Persönlichkeitsprofil eine 87,5-prozentige Eignung für den Polizeidienst ergeben hatte. Er war erst sechzehn Jahre alt, das vorgeschrieben Mindestalter für einen Erwachsenen. Man konnte zwar auch bis 18 seine Kindheit genießen, aber Hand gehörte zu den ehrgeizigen Menschen, die ihren Beitrag zur Gesellschaft nicht früh genug leisten können.

„Hallo, Herr Inspektor!“ begrüßte Loh seinen Vorgesetzten.

„Hallo, Franz.“ erwiderte dieser den Gruß lustlos. Wie immer schien Franz es nicht zu gefallen, wie ein Kind mit dem Vornamen angesprochen zu werden. Falls es so war, ließ er es jedoch unkommentiert zu. Er hatte blonde, kurze Haare, nach aktueller Sitte von einem kahlen Streifen in der Mitte des Schädels unterbrochen. Auf seinem Gesicht waren noch Spuren einer hartnäckigen Akne zu sehen, die selbst die Naniten, die seine Haut ständig reinigten, an den Rand der Verzweiflung bringen mussten. Er trug dieselbe Uniform wie Helmut, und obwohl sie ihm von einem unfehlbaren Roboter auf dem Leib geschneidert wurde, sah sie irgendwie zu groß aus für seinen schlaksigen Körper.

Helmut löste seinen Blick von dem Kollegen und ließ ihn durch den Raum schweifen, der, wie er korrekt annahm, der Tatort war. Ein Mann, offensichtlich das Opfer, saß an einem durchsichtigen Schreibtisch, mit dem zusammen gesunkenen Oberkörper auf der glatten Oberfläche. Ein holographisches Bild versuchte sich vergeblich zusammen zu setzen, vom Kopf der Leiche behindert. Helmut bemerkte sofort, dass im Genick des Mannes das Kabel für den Uplink steckte. Der Täter musste den Augenblick des Downloads von HYPER und die vorübergehende Hilflosigkeit des Opfers ausgenutzt haben, um ihn zu ermorden.

„Kein Fingerabdrücke gefunden, Herr Inspektor!“ meldete sich Franz erneut zu Wort. Helmut sog lautstark die Luft ein und unterdrückte ein Seufzen. Das hatte man davon, wenn man halbe Kinder mit Polizeiprotokoll fütterte und dann auf die Menschheit losließ! Natürlich war die Suche nach Fingerabdrücken immer noch Vorschrift bei der Sicherung des Tatorts, aber schon seit fast einem halben Jahrhundert waren an dem Ort eines Verbrechens keine der verräterischen Spuren mehr gefunden worden.

„Ach, tatsächlich?“ antwortete Helmut sarkastisch. Franz schien den Tonfall richtig interpretiert zu haben, denn er wurde knallrot im Gesicht. Verlegen räusperte er sich.

„Ähm, auch keine DNA-Spuren.“

Helmut zog eine Augenbraue fragend hoch. Das war schon deutlich interessanter. Es war fast unmöglich, keine verräterischen Überbleibsel der eigenen Bio-Reste zu hinterlassen, außer man trug einen den Körper komplett umschließenden Kontaminationsanzug.

„Befragen sie alle Bewohner dieser Wohneinheit, ob sie eine verdächtige Person in einem Ganzkörperanzug gesehen haben. Und dann fragen sie in allen Klinken nach, ob sie einen ihrer selbstversiegelnden Anzüge für Seuchenfälle vermissen.“

„Daran dachte ich auch schon, Inspektor. Ich wollte nur auf ihr Ok warten. Es wird sofort erledigt.“

„Klugscheißer.“ dachte Helmut. Als sich Franz abwenden wollte, fiel Helmut noch etwas ein.

„Franz? Warum warst du überhaupt schon eher hier als ich?“

„Oh, ich wohne hier gleich um die Ecke. Ich war wohl einfach schneller.“

„Hm.“ brummte Helmut und sein jüngerer Kollege verschwand in einem der anderen Räume.

Allein und endlich ungestört sah sich Helmut erneut das Opfer von allen Seiten gut an. Er konnte nichts Ungewöhnliches feststellen, es schien ein etwas beleibter Mann vermutlich mittleren Alters zu sein. Sein Lebenswandel musste wahrlich ungesund sein, um trotz der künstlichen Bakterien in seinem Darm noch übergewichtig werden zu können. Helmut schaute das noch immer eingestöpselte Uplinkkabel in dem Genick des Mannes an und überlegte kurz, ob er es einfach nehmen und bei sich reinstöpseln konnte, um mit der eigentlichen Polizeiarbeit zu beginnen. Ob HYPER das Verbrechen vielleicht schon aufgeklärt hatte und nur auf ihn wartete, um es ihm mitzuteilen? Er entschied sich dagegen, das Kabel des Toten zu verwenden, teils aus Pietät, teils aus irrationalem Ekel. Er hatte erst fünf Tote in seiner Karriere gesehen und sich noch lange nicht daran gewöhnt. Er beschloss, nach Hause zurück zu kehren und sich die von HYPER gesammelten Beweise dort zu Gemüte zu führen. Nicht zum ersten Mal fragte er sich, warum er Polizisten überhaupt noch zum Tatort gerufen wurden. Die Beweise wurden automatisch gesammelt und im Falle eines Mordes wie diesem hier wurde die Leiche von Robotern entsorgt. Obwohl es ihm irgendwie wichtig war, die Erfahrung die Tatortbegehung jedes Mal zu machen, war sie rein logisch auch längst überflüssig geworden. Vielleicht war es auch nur ein weiteres Polizeiprotokoll, das automatisch befolgt wurde wie die nutzlose Suche nach Fingerabdrücken. Mit einem leichten Drücken auf seinen unter der Haut liegenden Sensor (eine Spezialanfertigung für Polizisten und andere Beamte der von Terrareg, der Weltregierung) rief er die am Nächsten gelegene Luftbahn zu sich. Bevor diese ankam, sah er sich ein allerletztes Mal in dem Raum um. Er runzelte die Stirn, als ihm etwas an dem Hologramm auffiel, in welchem der Tote lag. Von seiner Warte ausgesehen in Spiegelschrift konnte man gerade so über dem dunklen Haar des Mannes ein Wort schweben sehen. Helmut ging um den Schreibtisch herum um sicher zu sein, das er sich nicht geirrt hatte. Sein Verdacht bestätigte sich. In leicht glühenden Lettern konnte man über der Leiche das Wort „Non-Konsensuelle“ lesen. Helmut beugte sich über den Körper, um auch den Rest zu identifizieren. Er hätte ihn auch bewegen können, doch er traute sich nicht. Sollten die Roboter das erledigen, dafür waren sie da. Helmut versuchte weitere Worte in der wabernden Masse des Holoplasmas auszumachen. Ein Rauschen vor dem Fenster ließ ihn erschrocken auffahren. Es war die Luftbahn, die ihn nach Hause bringen sollte.

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