Konsens - 3.0

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3.0

Inzwischen war es hell geworden in der Stadt. Wieder daheim angekommen, stand Helmut an seinem Fenster, dass die komplette Wand einnahm und sah nach draußen. Das Licht der aufgehenden Sonne wurde tausendfach gebrochen von den zahllosen Glasfassaden und Fenstern der Stadt, so dass sie wirkte wie ein einziger riesiger Diamant. Immer wieder sausten Luftbahnen lautlos vorbei. Der Himmel war blau.

Wie anders hatte es noch vor HYPER ausgesehen, dachte Helmut. Damals war das komplette Ökosystem der Erde durch den Klimawandel umgekippt, die Mehrzahl aller Pflanzen und Tiere ausgerottet. Rohstoffe waren fast aufgebraucht gewesen und ganze Staaten waren in Anarchie versunken. Vielleicht war es auch die reine Verzweiflung gewesen, dass die Regierung der Welt dazu veranlasst hatte, die scheinbar unüberwindbaren Probleme von der offensichtlich um einen vielfaches klügeren Hyperintelligenz lösen zu lassen und sich im Gegenzug ihrem Urteil zu beugen. Und tatsächlich schien ein Problem nach dem anderen in Rekordzeit zu verschwinden und die Menschheit lebte plötzlich wieder in Wohlstand und Zufriedenheit, jedoch geeint und vom Krieg befreit dank HYPER.

Warum musste er ausgerechnet jetzt an so was denken? Helmut wischte sich mit seiner rechten Hand über das glatte, scheinbar alterslose Gesicht. Genug Zeit vertrödelt, es gab einen Fall zu lösen.

Er setzte sich an seinen Schreibtisch (dasselbe Modell wie das Opfer, bemerkte Helmut erst jetzt und unterdrückte eine Gänsehaut) und nahm das Kabel für den Uplink. Mit einer Bewegung, die schon automatisiert ablief, verband er den Anschluss mit der Buchse in seinem Genick, das wiederum sein Gehirn mit HYPER verband. Er spürte die vertraute Schwerelosigkeit, das Gefühl, vom Körper losgelöst zu werden. Schließlich durchströmte ihn das beruhigende Gefühl der Transzendenz, als sein Bewusstsein in HYPER heruntergeladen und er kurzzeitig eins mit der Menschheit wurde. Dann war er wieder ein Individuum, oder genauer eine Präsenz innerhalb des Netzwerks. Wie immer stellte er sich vor, in einem riesigen blauen Raum zu schweben, was ihn gleichzeitig beruhigte und zu seiner Konzentration beitrug. „HYPER?“ dachte/sagte er und HYPERs androgyne Allerweltsstimme antwortete:

„Ja, Helmut?“

„Hast du die Daten des Mordes schon ausgewertet?“

„Natürlich habe ich das.“

„Was ist das Ergebnis?“

„Es gibt kein Ergebnis.“

Helmut war kurzzeitig geschockt. Hätte er die Kontrolle über seinen Körper besessen, hätte er wahrscheinlich erstmal verwirrt blinzeln und schlucken müssen. So gab es nur eine Pause, in dem Helmuts Synapsen Überstunden leisteten, während HYPER geduldig wartete.

„Wie ist das möglich?“

„Ich weiß es nicht. Die Daten lassen kein schlüssiges Ergebnis zu. Das Opfer mit Namen Belian More nahm Uplinkverbindung mit mir auf und starb dabei. Kein Einfluss von außen ist erkennbar.“

Helmut war plötzlich mulmig zumute. Es gab nur eine Erklärung für den Tod des Mannes, das Einzige, was HYPER außerstande war, selbst zu eruieren. Jemand musste HYPER gehackt haben und über die Verbindung zu More dessen Vitalfunktionen beendet haben, durch den direkten Kontakt zu seinem Gehirn, die der Uplink erlaubte. Plötzlich wurde Helmut bewusst, dass er auch gerade mit HYPER verbunden war und somit genauso verwundbar.

„Beende Uplink.“ sagte/dachte er.

„Bis bald Helmut.“ antwortete HYPER und binnen einer Nanosekunde saß er wieder auf seinem Schreibtischstuhl und starrte die Tischplatte an. Mit zitternden Händen löste er ungeschickt die Verbindung in seinem Genick. Für diesen Fall, wurde ihm klar, musste er auf die direkte Hilfe von HYPER verzichten. Denn wenn jemand HYPER tatsächlich gehackt hatte, dann war auch dem Uplink nicht mehr zu trauen. Eventuell wurde sogar die Funktion von HYPER selbst gestört. Nein, entschied Helmut. Dazu war das Netzwerk zu komplex und mit zu vielen Sicherheitssubroutinen vor äußerem Einfluss geschützt. Schon der Hack, der More tötete, war eigentlich so gut wie unmöglich.

Er schaltete seinen Hologrammbildschirm ein und loggte sich indirekt in das Netz ein, das natürlich im Grunde auch aus HYPER bestand. Während er die halb vergessenen Befehle eingab, versuchte er sich zu erinnern, wann der das letzte Mal diese fast archaisch anmutende Verbindungsart benutzt hatte. Er wusste es nicht mehr.

Als er die Daten über More aufrief, wurde ihm klar, warum der Mann übergewichtig war. Er war Journalist. Immer wenn sich Helmut in der fast vollständig pazifistischen Wirklichkeit wie ein Anachronismus vorkam, brauchte er nur an Journalisten zu denken, um sich wieder wie ein kreatives und wichtiges Mitglied der Gesellschaft zu fühlen. Denn diese Berufsgruppe machte nichts anderes, als die Informationen, die täglich von HYPER gesammelt wurden, zu filtern und wiederzugeben und das auch nur, weil sich künstliche Syntax immer noch deutlich von geschriebener Sprache von Menschenhand unterschied. Helmut vermutete, dass HYPER die Filterung und Aufbereitung auch hätte selbst machen können, es aber nicht tat, um nicht noch einen Berufszweig obsolet zu machen. Obwohl er sich nicht viel davon versprach, checkte Helmut, woran More als Letztes gearbeitet hatte. Und erlebte eine Überraschung. Offenbar war More bereits mehrere Wochen damit beschäftigt gewesen, Informationen über die Non-Konsensuellen zu sammeln. Natürlich, dachte Helmut und erinnerte sich an die Holoschrift auf dem Schreibtisch des Mannes. Das ihm das nicht schon vorher eingefallen war! Sein kriminalistisches Gespür war wirklich eingerostet durch die unfehlbare Verlässlichkeit von HYPER. Doch bei den Anhängern des Nonkonsensus versagte die künstliche Massenintelligenz, weil diese Leute sich dagegen wehrten, eins zu werden mit dem Rest der Menschheit. Aber warum eigentlich? Diese Frage stellte sich Helmut komischerweise erst jetzt. Die Nonkonsensuellen waren immer eine solch kleine Minderheit gewesen, dass er sie im Alltag regelmäßig ausgeblendet hatte, obwohl er in seinen Job schon einige getroffen hatte. Sie waren bemitleidenswerte Geschöpfe gewesen, ohne Nanotechnologie natürlich gealtert und meist in billige, gebrauchte Synthetikfasern gehüllt, die schon fast ein Jahrhundert alt waren, bloße Fetzen, neu zusammen genäht in wirren Mustern und Konfigurationen. Ihr Essen bekamen diese freiwilligen Aussätzigen meist, indem sie Nahrungsreplikatoren hackten. Helmut stand auf und lief in seinem Zimmer auf und ab. Konnte dort der Zusammenhang bestehen? Hatten die Nonkonsuellen einen Weg gefunden, sich in HYPER zu hacken? War das der Grund, wieso sie More getötet hatten? Weil er es herausgefunden hatte, indem er eine fast vergessene journalistische Technik angewandt hatte, die Recherche? Es gab nur einen Weg das herauszufinden. Er musste selbst mit den NKs reden.

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